Brustkrebs: Was Ernährung und Mikronährstoffe wirklich leisten können
Autor: Prof. Dr. med. MSc. Matthias Willmann
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Welche Ernährung, Mikronährstoffe und komplementären Maßnahmen sind beim Mammakarzinom wirklich sinnvoll? Die neue Fachinformation ordnet aktuelle wissenschaftliche Evidenz praxisnah ein. Im Fokus stehen mediterraner Ernährung, Alkoholreduktion, Bewegung und Stoffwechselkontrolle bis zur gezielten Labordiagnostik. Verfolgt wird dabei ein medizinisch verantwortlicher Ansatz: Mängel erkennen, Risiken reduzieren und Therapie begleiten. Die Fachinformation bietet eine klare Orientierung für Beratung, Prävention und begleittherapeutische Individualisierung. Die empfohlenen Laborprofile sind in Kürze auf folgendem Einsendeschein zu finden Auftragsschein für evidenzbasierte Laborprofile.
Einleitung
Diese Fachinformation fasst die wissenschaftliche Evidenz zu Ernährung und Mikronährstoffen als präventive und therapeutische Begleitmaßnahmen beim Mammakarzinom zusammen. Eingangs muss erwähnt werden, dass ernährungsmedizinische und komplementäre Maßnahmen nicht die Standardtherapie bei Brustkrebs ersetzen. Sie können die leitliniengerechte Onkologie ergänzen und sollten insbesondere während einer aktiven Tumortherapie mit dem behandelnden onkologischen Team abgestimmt werden.
Brustkrebs ist in Deutschland die häufigste Krebserkrankung bei Frauen. Das Zentrum für Krebsregisterdaten berichtet über rund 75.000 Neuerkrankungen pro Jahr. Zusätzlich werden mehrere Tausend In-situ-Karzinome diagnostiziert, also noch auf ihren Ursprungsort begrenzte Tumoren. Für 2023 werden 18.527 Todesfälle bei Frauen angegeben. Die Prognose wird vor allem durch Tumorstadium, biologische Eigenschaften des Tumors und das Ansprechen auf die Behandlung bestimmt. Gleichzeitig sind veränderbare Lebensstilfaktoren klinisch bedeutsam, insbesondere Adipositas, Alkoholkonsum, Bewegungsmangel und eine ungünstige Stoffwechsellage. [1,2]
Für die in den nachfolgenden Kapiteln dargelegte Interpretation der Datenlage ist relevant, dass eine statistische Assoziation nicht beweist, dass ein bestimmtes Lebensmittel eine Erkrankung verhindert oder auslöst. Es darf zunächst nur als Hinweis gewertet werden. Die beste präventive Evidenz betrifft deshalb auch keine einzelnen „Wundernährstoffe“, sondern dauerhaft günstige Ernährungs- und Lebensgewohnheiten wie eine pflanzenbetonte und ballaststoffreiche Ernährung, ein gesundes Körpergewicht, gute Stoffwechselwerte, möglichst wenig Alkohol und regelmäßige Bewegung. Nahrungsergänzungsmittel sind zur Primärprävention meist deutlich schwächer belegt. Bei bereits bestehendem Mammakarzinom stehen die Korrektur nachgewiesener Mängel, der Erhalt von Gewicht und Muskelmasse, die Linderung von Beschwerden sowie die Vermeidung von Wechselwirkungen im Vordergrund [3–5].
Reduktion des Risikos für Brustkrebs durch Ernährung und Mikronährstoffe
Die konsistenteste Evidenz spricht für eine mediterrane beziehungsweise insgesamt hochwertige, pflanzenbetonte Ernährung. In der PREDIMED-Studie war eine mediterrane Kost mit nativem Olivenöl mit einem geringeren Risiko für invasiven Brustkrebs verbunden. Metaanalysen und Umbrella-Reviews stützen diesen Zusammenhang, wobei ein großer Teil der Evidenz aus Beobachtungsstudien stammt und die Effekte der Ernährung bei Frauen nach der Menopause stärker erscheinen als bei prämenopausalen Frauen. In der Praxis sollte die Ernährung regelmäßig Gemüse, Hülsenfrüchte, Vollkornprodukte, Nüsse und Olivenöl beinhalten. Fisch kann einbezogen werden, während rotes und insbesondere verarbeitetes Fleisch sowie stark verarbeitete Lebensmittel begrenzt werden sollten. [3–5,8]
Eine ballaststoffreiche Kost gehört zu den am besten untersuchten Einzelaspekten. Mehrere Metaanalysen prospektiver Studien fanden bei höherer Ballaststoffzufuhr ein geringeres Brustkrebsrisiko. Protektive Effekte bestehen auch für Vollkornprodukte. Mögliche Erklärungen sind geringere Blutzucker- und Insulinspitzen nach dem Essen, eine günstigere Gewichtsentwicklung, Veränderungen des Darmmikrobioms und Einflüsse auf den Estrogenstoffwechsel. Eine speziell für Brustkrebs validierte Menge für die Ballaststoffzufuhr gibt es allerdings nicht. Sinnvoll ist eine schrittweise Steigerung an Vollkorn, Hülsenfrüchten, Gemüse, Obst und Nüssen. [6–8]
Alkohol gehört zu den am klarsten belegten vermeidbaren Risikofaktoren. Bereits geringe Mengen erhöhen das Brustkrebsrisiko. Ein sicherer Schwellenwert lässt sich nicht angeben. Auch verarbeitetes Fleisch und ein hoher Anteil ultrahochverarbeiteter Lebensmittel sind mit einem höheren Risiko verbunden, wenn auch weniger deutlich als Alkohol und Adipositas. Für Zucker allein ist die Evidenz schwächer als für das gesamte Muster einer energiereichen, stark verarbeiteten und häufig hochglykämischen Ernährung. Medizinisch sinnvoller als pauschale „Zuckerverbote“ sind daher eine bedarfsgerechte Energiezufuhr, Gewichtskontrolle und die deutliche Reduktion ultrahochverarbeiteter Produkte. [9–12]
Sojalebensmittel müssen differenziert beurteilt werden. Für übliche Mengen aus Lebensmitteln wie Tofu, Tempeh, Edamame oder ungesüßten Sojaprodukten zeigen prospektive Studien und Reviews keine Hinweise auf eine brustkrebsfördernde Wirkung. In asiatischen Populationen wurden sogar günstigere Zusammenhänge mit Erkrankungsrisiko und Prognose beobachtet. Diese Daten lassen sich jedoch nicht ohne Weiteres auf hochdosierte, isolierte Isoflavon- oder Phytoöstrogenpräparate übertragen. Für solche Präparate ist die Evidenz deutlich schwächer. Unter endokriner Therapie bestehen zudem Unsicherheiten zu möglichen Wechselwirkungen. Moderate Mengen an Sojalebensmitteln sind daher empfehlenswert. Hochdosierte Isoflavonpräparate sind nicht routinemäßig zu empfehlen. [13–16]
Für marine Omega-3-Fettsäuren, Vitamin D, Folat sowie Spurenelemente wie Selen, Zink und Magnesium ist die Präventionsevidenz uneinheitlich. Beobachtungsstudien zu Fisch beziehungsweise marinen Omega-3-Fettsäuren und zu 25-OH-Vitamin-D im Blut zeigen insgesamt eher günstige Zusammenhänge, belegen aber keine Ursache-Wirkungs-Beziehung. Für Folat sind die Ergebnisse gemischt. Für Selen, Zink und Magnesium gibt es keine belastbare Grundlage für eine routinemäßige Supplementierung zur Vorbeugung eines Mammakarzinoms. Auch Kaffee und grüner Tee zeigen in Metaanalysen teils günstige, teils neutrale Assoziationen. Daraus ergibt sich zwar keine gezielte medizinische Präventionsempfehlung, aber eine ausreichende Versorgung insbesondere mit Vitamin D und Omega-3-Fettsäuren erscheint sinnvoll. [17–20]
Besonders wichtig ist die Stoffwechsellage. Adipositas, Insulinresistenz und Diabetes erhöhen nicht nur das Erkrankungsrisiko, sondern sind nach der Diagnose auch mit einer ungünstigeren Prognose verbunden. Dies betrifft vor allem Frauen nach der Menopause und häufig hormonrezeptorpositive Tumoren, ist aber auch bei anderen Subtypen klinisch relevant. Man sollte daher primär eine Gewichtszunahme vermeiden, Taillenumfang und körperliche Aktivität beachten, Nüchternglukose beziehungsweise HbA1c optimieren und Alkohol möglichst meiden. [21–23]
Tabelle 1 gibt einen Überblick über mögliche präventive Maßnahmen. Die stärksten Empfehlungen zur Prävention betreffen ein langfristiges mediterranes Ernährungsmuster und einen möglichst alkoholfreien sowie gewichts- und bewegungsorientierten Lebensstil (Abbildung 1). Vitamin D und andere Mikronährstoffe sollten nicht pauschal als „Krebsschutz“ eingenommen, sondern bei nachgewiesenem oder klinisch wahrscheinlichem Mangel gezielt korrigiert werden. [3–8,17–23]
Abbildung 1: Schematische Darstellung präventiver Ernährungsempfehlungen
Ernährung und Mikronährstoffe bei bestehendem Mammakarzinom
Bei Patientinnen mit bestehendem Mammakarzinom verschiebt sich das Ziel. Es geht nicht mehr um Primärprävention, sondern vor allem um eine stabile Stoffwechsellage, den Erhalt von Muskelmasse und Ernährungszustand, eine gute Therapieverträglichkeit und die Linderung von Beschwerden. Zwei klassische Ernährungsstudien zeigen, warum einfache Diätregeln nicht ausreichen. In der WHEL-Studie führte eine ausgeprägte Ernährungsumstellung nicht zu weniger Rezidiven oder Todesfällen. Die WINS-Studie ergab zwar eine Reduktion an Brustkrebsrezidiven über einen 60-Monate-Zeitraum unter einer fettarmen Ernährung, beruhte aber auf älterer Methodik und beweist keine generelle „Fettvermeidungsstrategie“. Heute wird daher eher eine hohe Gesamtqualität der Ernährung empfohlen als die Fixierung auf einen einzelnen Makronährstoff. [24,25]
Neuere Kohortenstudien und Metaanalysen sprechen dafür, dass eine hochwertige Ernährung nach der Diagnose mit einem besseren Gesamtüberleben verbunden ist. Positive Effekte bestehen für eine mediterrane Kost und eine höhere Ballaststoffzufuhr. Der Zusammenhang ist für die Gesamtsterblichkeit konsistenter als für brustkrebsspezifische Sterblichkeit oder Rezidive. Eine solche Ernährung ist deshalb keine direkte Tumortherapie, aber eine gut begründete unterstützende Maßnahme. [26–29]
Körperzusammensetzung und Stoffwechselkontrolle sind besonders bedeutsam. Adipositas und Diabetes sind mit einem ungünstigeren Verlauf assoziiert. Bei hormonrezeptorpositiven Tumoren und nach der Menopause ist der Zusammenhang unter anderem über peripher gebildetes Estrogen, chronische Entzündung und erhöhte Insulinspiegel biologisch plausibel. In der Praxis bedeutet dies, dass Gewichtsmanagement, Erhalt oder Wiederaufbau der Muskelmasse und regelmäßige körperliche Aktivität von großer Bedeutung sind. [21–23,40,41]
Für den Muskelerhalt ist eine ausreichende Eiweißzufuhr wesentlich. Die ESPEN-Leitlinie empfiehlt für Krebspatientinnen in der Regel mehr als 1,0 g Protein pro kg Körpergewicht und Tag. Wenn dies vertragen wird und es medizinisch sinnvoll ist, kann die Zufuhr bis etwa 1,5 g Protein pro kg Körpergewicht und Tag betragen. Besonders relevant ist dies bei höherem Lebensalter, unbeabsichtigtem Gewichtsverlust, drohender oder bestehender Sarkopenie – also einem Verlust an Muskelmasse und Muskelkraft – sowie bei Mangelernährung während einer Chemotherapie. Die Eiweißzufuhr sollte möglichst mit Krafttraining kombiniert werden. Spezielle Aminosäure- oder „anabole“ Präparate sind deutlich schwächer belegt als eine insgesamt ausreichende Energie- und Proteinzufuhr. [30,40]
Omega-3-Fettsäuren sind in der Begleittherapie interessanter als in der Primärprävention, aber keine Standardbehandlung für alle Patientinnen. Randomisierte Studien zeigen einen möglichen Nutzen bei Gelenkbeschwerden unter Aromatasehemmern, insbesondere bei adipösen Patientinnen. Eine kleinere Studie berichtete zudem über einen möglichen Schutz vor einer Paclitaxel-bedingten Polyneuropathie. [31,32]
Vitamin D sollte vor allem bei nachgewiesenem Mangel eingesetzt werden. Niedrige Spiegel sind bei Diagnosestellung häufig und in Beobachtungsstudien mit einer ungünstigeren Prognose verbunden. Ein Überlebensvorteil durch eine pauschale Supplementierung ist jedoch nicht belegt. Praktisch relevant ist Vitamin D bei nachgewiesenem Mangel, Osteopenie oder Osteoporose, geringer Sonnenexposition, höherem Lebensalter und unter Aromatasehemmern. Die Dosis sollte am 25-OH-Vitamin-D-Spiegel ausgerichtet werden. [18,19]
Für Selen, Zink, Magnesium und B-Vitamine gibt es keine robuste Evidenz für eine routinemäßige antitumorale Supplementierung. Die Studien-Ergebnisse sind größtenteils inkonsistent. Gabe von Coenzym Q10 bewirkte zwar eine Besserung der Lebensqualität, aber auch hier waren die Ergebnisse heterogen, sodass dies allein keine ausreichende Grundlage für eine Standardempfehlung ist. Sinnvoll bleibt auch hier das klassische Vorgehen: Labormedizinisch einen Mangel erkennen, seine Ursache klären und gezielt behandeln. Ein Beispiel ist ein Vitamin-B12-Mangel mit konsekutiver Anämie und Polyneuropathie. [34–36]
Besondere Zurückhaltung ist bei hochdosierten Antioxidanzien während einer aktiven Tumortherapie geboten. Die Datenlage ist nicht einheitlich. In der SWOG-S0221-Analyse war die Gabe von Supplementen kurz vor und während einer Chemotherapie mit ungünstigeren Verläufen assoziiert. Dies betraf insbesondere Antioxidanzien, Vitamin B12, Eisen und teilweise Omega-3-Präparate. Insgesamt spricht dies gegen die routinemäßige Hochdosisgabe von Vitamin C, Vitamin E, Beta-Carotin, Coenzym Q10, Glutathion, Antioxidanzienmischungen oder nicht abgestimmten Multisupplementen kurz vor und während einer Chemo- oder Strahlentherapie. [33,57–59]
Für die Begleittherapie ist daher entscheidend, nachgewiesene Defizite zu korrigieren, Gewicht und Muskelmasse zu stabilisieren und Alkohol möglichst zu vermeiden. Für Hochdosis-Supplemente sollte eine klinische Indikation und/oder ein laborchemisch nachgewiesener Mangel bestehen, und ferner sollten mögliche Interaktionen mit der Standardtherapie beachtet werden. Tabelle 2 gibt einen Überblick über mögliche Begleittherapien beim Mamma-Karzinom.
Tabelle 2: Begleittherapie – Ernährung und Mikronährstoffe bei bestehendem Mammakarzinom
Bio-Lebensmittel
Bio-Lebensmittel sollten nüchtern eingeordnet werden. Einige prospektive Kohortenstudien fanden bei häufigem Bio-Konsum ein geringeres Gesamtkrebsrisiko. Daraus lässt sich jedoch keine Kausalität ableiten, weil Menschen, die häufig Bio-Produkte kaufen, im Durchschnitt oft auch in anderen Bereichen gesundheitsbewusster leben. Speziell für das Mammakarzinom ist die Evidenz noch unsicherer als für Krebserkrankungen insgesamt. [37,38]
Der plausibelste Vorteil biologisch erzeugter Lebensmittel ist weniger eine eindeutig höhere Nährstoffdichte als vielmehr eine im Mittel geringere Pestizidexposition. Dies kann bei hoher beruflicher oder umweltbedingter Belastung besonders relevant sein. Dabei reicht die Datenlage aber nicht aus, um Bio-Lebensmittel als eigenständige, evidenzbasierte Maßnahme zur Brustkrebsprävention zu empfehlen. Unterschiede im Nährstoffgehalt zwischen konventionell und biologisch erzeugten Lebensmitteln sind meist klein oder inkonsistent. [37–39]
Daraus lässt sich Folgendes schlussfolgern. Wer Bio-Lebensmittel bevorzugt, kann damit die Pestizidbelastung wahrscheinlich reduzieren. Hinsichtlich Krebs-Risiken ist jedoch wichtiger, überhaupt regelmäßig Gemüse, Hülsenfrüchte, Vollkornprodukte und Obst zu essen, sowie Alkohol und stark verarbeitete Produkte zu reduzieren. Eine gut zusammengesetzte konventionelle mediterrane Ernährung ist medizinisch wertvoller als eine zwar biologische, aber ernährungsphysiologisch ungünstige Kost. [3–5,37–39]
Komplementäre Strategien mit klinischer Evidenz
Unter den komplementären Maßnahmen ist körperliche Aktivität am besten belegt. Regelmäßiges Ausdauer- und Krafttraining verbessert bei Krebspatientinnen und insbesondere bei Frauen mit Brustkrebs Fatigue, körperliche Leistungsfähigkeit, Lebensqualität und Muskelkraft. Beobachtungsdaten verbinden eine konsequente Einhaltung von Lebensstilempfehlungen zudem mit weniger Rezidiven und einer geringeren Sterblichkeit. Als allgemeiner Zielrahmen gelten etwa 150 Minuten Bewegung mittlerer Intensität pro Woche plus zwei Einheiten Krafttraining. Umfang und Intensität müssen an Therapiephase, Beschwerden, Operationsfolgen und Leistungsfähigkeit angepasst werden. [40,41]
Auch symptomorientierte Mind-Body-Verfahren sind klinisch relevant. Yoga kann Fatigue, Schlaf, Angst und Lebensqualität verbessern. Für anhaltende Schlafstörungen ist die Evidenz für eine kognitive Verhaltenstherapie bei Insomnie (CBT-I) besonders gut. Diese Verfahren wirken unterstützend und symptomlindernd. Eine direkte antitumorale Wirkung ist allerdings nicht belegt. Geeignet sind sie vor allem bei Fatigue, Schlafstörungen, Angst und depressiver Belastung. [42,43]
Akupunktur kann bei Gelenkschmerzen unter Aromatasehemmern erwogen werden. Eine randomisierte JAMA-Studie zeigte eine statistisch signifikante, wenn auch klinisch eher geringe Schmerzreduktion. Auch Metaanalysen stützen einen Nutzen bei insgesamt guter Verträglichkeit. Für andere onkologische Beschwerden ist die Evidenz uneinheitlicher. Bei muskuloskelettalen Beschwerden unter endokriner Therapie gehört Akupunktur jedoch zu den besser untersuchten komplementären Optionen. [44]
Die Misteltherapie mit Viscum album ist vor allem in Mitteleuropa verbreitet. Sie wurde in zahlreichen onkologischen Studien untersucht, deren methodische Qualität jedoch häufig eingeschränkt ist. Metaanalysen zeigen am ehesten Verbesserungen der Lebensqualität und einzelner Symptome. Ein verlässlicher Überlebensvorteil ist nicht belegt. Eine ausgewählte supportive Anwendung kann in erfahrenen Zentren vertretbar sein, sollte aber weder als Standardtherapie noch mit der Erwartung einer gesicherten Tumorkontrolle eingesetzt werden.[45]
Immunmodulierende Präparate wie MGN-3/Biobran oder PSK (Polysaccharid-K) sind wissenschaftlich interessant, beim Mammakarzinom aber nicht ausreichend klinisch abgesichert. Zu MGN-3 liegen vor allem kleine Studien und Reviews mit immunologischer Plausibilität vor. Es bestehen zudem einzelne Nachweise einer erhöhten Lebensqualität und Überlebensrate, aber die Evidenz ist stark begrenzt, sodass kein sicherer nachgewiesener Nutzen für Gesamtüberleben und Rezidiv-Verminderung besteht. Zu PSK existieren ältere Studien, die heutigen methodischen Anforderungen nur eingeschränkt entsprechen. Für die Routineversorgung lassen sich daraus derzeit keine belastbaren Empfehlungen ableiten. [46,47]
Kohlenhydratreduzierte, ketogene und fastenimitierende Ernährungsansätze sind biologisch plausibel, aber noch keine onkologische Standardtherapie. Die DIRECT-Studie zur fastenimitierenden Diät (fasting-mimicking diet) während einer neoadjuvanten Chemotherapie zeigte interessante Ergebnisse zum Therapieansprechen, jedoch keinen etablierten Überlebensvorteil. Bei adipösen oder insulinresistenten Patientinnen kann eine moderate Kohlenhydratreduktion das Gewichts- und Blutzuckermanagement unterstützen. Bei Untergewicht, Sarkopenie, Leber- oder Niereninsuffizienz sowie bei insgesamt vulnerablen Patientinnen sollten spezielle Ernährungsformen jedoch besser gemieden werden. [48]
Das Hormon Melatonin ist kein antitumoral belegtes Brustkrebs-Supplement, kann aber bei Schlafstörungen hilfreich sein. In einer randomisierten Studie bei postmenopausalen Brustkrebsüberlebenden verbesserten 3 mg abends über vier Monate die subjektive Schlafqualität. Eine neuere Studie fand dagegen keinen überzeugenden Nutzen gegen Fatigue während einer Strahlentherapie. Melatonin ist daher eher eine symptomatische Option bei Insomnie als eine Maßnahme zur Beeinflussung des Tumormikromilieus. [49,50]
Der Einfluss des Darmmikrobioms auf die menschliche Gesundheit ist ein dynamisches Forschungsgebiet. Es bestehen plausible Zusammenhänge zwischen Darmmikrobiom, Estrogenstoffwechsel, Therapieansprechen und Nebenwirkungen. Probiotika können in der Onkologie möglicherweise chemotherapiebedingte Diarrhö verringern. Zudem gibt es erste brustkrebsspezifische Untersuchungen zu metabolischen Effekten während einer Docetaxel-Therapie. Für die Routineversorgung von Brustkrebspatientinnen sind jedoch Probiotika-Protokolle noch nicht ausreichend klinisch validiert. [51,52,61]
NAD+-Vorstufen wie Nicotinamid-Ribosid (NR) oder Nicotinamid-Mononukleotid (NMN) sollten bei Mammakarzinom derzeit nicht eingesetzt werden. Die präklinischen Daten widersprechen sich. Einzelne Tiermodell-Studien zeigen mögliche Schutzwirkungen, beispielsweise gegen Neuropathie oder Fertilitätsschäden, und teilweise auch hemmende Effekte bei triple-negativem Brustkrebs. In einer anderen Untersuchung war Nicotinamid-Ribosid jedoch mit mehr Hirnmetastasen eines triple-negativen Mammakarzinoms verbunden. Zudem sind NAD+-abhängige Stoffwechselwege für viele Tumoren biologisch bedeutsam. Klinische Daten zu Wirksamkeit und Sicherheit bei Brustkrebspatientinnen fehlen weitgehend. Außerhalb klinischer Studien ist bei Brustkrebs deshalb von NR- oder NMN-Supplementen abzuraten. [53–55]
Tabelle 3 gibt einen Überblick über komplementären Maßnahmen. Die belastbarsten Maßnahmen sind zugleich die wenig spektakulären: Bewegung, Krafttraining, eine gezielte Schlaftherapie, Yoga und bei Indikation auch Akupunktur. Immunmodulierende Präparate, ketogene oder fastenimitierende Konzepte und NAD+-Booster bleiben dagegen unzureichend geklärt. [40–55]
Tabelle 3: Komplementäre Ansätze – Evidenz, Anwendung und Risiken
Laborbasierte Individualisierung bei Brustkrebs
Laboruntersuchungen sind dann sinnvoll, wenn aus dem Ergebnis eine konkrete medizinische Konsequenz folgt. Dazu gehört einen Mangel zu erkennen und zu behandeln oder eine Stoffwechselsituation zu identifizieren, was Beratung und Verlaufskontrolle verbessert (Abbildung 2).
Im Rahmen eines präventiven Ansatzes sind die Bestimmungen von Vitamin D, HbA1c, Zink, Magnesium, Selen, hsCRP, Folsäure und dem Fettsäurestatus gut vertretbar.
Im Rahmen einer Begleittherapie kann die Bestimmung von Vitamin D, Blutbild, Ferritin, Coenzym Q10, Holotranscobalamin, Folsäure und dem Fettsäurestatus als sinnvoll erachtet werden.
Abbildung 2
Fazit
Die bestbelegten Empfehlungen zum Mammakarzinom sind unspektakulär, aber klinisch relevant: eine mediterran-pflanzenbetonte Ernährung, hohe Gesamtqualität der Kost, ausreichende Protein- und Energiezufuhr, Gewichts- und Stoffwechselkontrolle, regelmäßige Bewegung, möglichst wenig Alkohol und die gezielte Korrektur tatsächlicher Mängel. Für die Mikronährstoffe gilt daher, dass sie zuerst gemessen und anschließend gezielt behandelt werden sollten. Von hochdosierten Antioxidanzien, NAD+-Boostern und nicht abgestimmten Multisupplementen während einer aktiven Tumortherapie ist dagegen abzuraten.
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