Burnout sicher einordnen: Was Labordiagnostik leisten kann
Autor: Dr. rer. nat. Wolfgang Bayer
Medizinisch verantwortlich: Prof. Dr. med. MSc. Matthias Willmann
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Burnout ist mehr als Erschöpfung. Chronischer Stress kann hormonelle, immunologische und metabolische Spuren hinterlassen und zugleich andere Begleiterkrankungen wie Schilddrüsenfunktionsstörungen, Anämie, Mikronährstoffmängel oder Diabetesrisiken verdecken. Unsere neue Fachinformation zeigt, warum Laborwerte die Diagnose nicht ersetzen, aber entscheidend zur Differenzialdiagnostik, Risikoeinschätzung und individualisierten Begleittherapie beitragen können. Ein evidenzbasierter Blick auf Cortisolprofile, hsCRP, Vitamin D, Omega-3-Fettsäuren, Eisenstatus, HbA1c und weitere Parameter für eine strukturierte Versorgung von Patienten mit klinischem Verdacht auf Burnout. Entsprechende Anforderungsprofile finden sich auf unserem neuen Auftragsschein für evidenzbasierte Laborprofile.
Einleitung
Bereits 1974 wurde der Begriff Burnout von dem amerikanischen Psychotherapeuten Herbert Freudenberger geprägt. Stress ist der zentrale Faktor bei der Entwicklung eines Burnout, wie für verschiedene Berufsgruppen gezeigt wurde (Agyapong et al. 2022, Ungur 2024, Yates 2020), und kann ausgelöst werden durch langanhaltende, vor allem beruflich bedingte Überforderung, Zeitdruck, kollegialen Stress, usw. Tätigkeiten in medizinischen und sozialen Berufen sind häufig betroffen, ebenso wie z. B. Lehrer. Auch andere Überforderungssituationen, wie Pflege von Angehörigen gehen häufig mit Burnout einher. Es findet sich ein körperlicher, geistiger und emotionaler Erschöpfungszustand. Symptome sind neben Erschöpfung, Dauermüdigkeit, Leistungsabfall, emotionaler Rückzug und Depersonalisierung auch unspezifische körperliche Beschwerden vielfältiger Art.
Eine Studie aus dem Jahr 2012 zeigt bei US-amerikanischen Ärzten, dass ca. jeder Zweite von Burnout betroffen ist (Shanafelt et al. 2012). Nach Erhebungen der AOK in Deutschland steigt die Häufigkeit von Burnout bei Arbeitnehmern stark an von 0,6 Fällen pro Tausend AOK-Mitglieder in 2004 auf 7,7 Fälle in 2023. Nach ICD-11 ist Burnout kein Krankheitsbild, sondern als Folge chronischen arbeitsbezogenen Stresses klassifiziert. Auf die DEGAM-Leitlinie „Müdigkeit“ kann hingewiesen werden (Baum et al., 2023). Die Publiationsaktivität zu Burnout ist in den letzten Jahren deutlich gestiegen. Eine PubMed-Suche zeigt > 17.000 Artikel allein in den letzten zehn Jahren (DePorre et al. 2023).
Bei der Diagnosestellung eines Burnout ist eine Abgrenzung zu Myalgischer Enzephalomyelitis / Chronic Fatigue-Syndrom (ME/CFS), allgemeiner Erschöpfung und Depressionen schwierig. Für die Diagnosestellung werden standardisierte Instrumente wie das Maslach Burnout Inventory (MBI) oder das Burnout Assessment Tool (BAT) genutzt (Maslach et al. 1997, Schaufeli et al. 2020).
Laboruntersuchungen sichern zwar die Diagnose eines Burnout nicht. Burnout bleibt eine klinische Konstellation. Laborwerte sind gleichwohl wichtig für Differenzialdiagnostik, Risikostratifikation (z. B. Metabolik, Entzündung) und zeigen Ansatzpunkte für adjuvante therapeutische Maßnahmen auf.
Hormone
Schilddrüse
Unter dem Einfluss des von der Hypophyse gebildeten Thyreoidea-stimulierenden Hormons (TSH) wird die Schilddrüse angeregt, die Schilddrüsen-Hormone Trijodthyronin (T3) und Thyroxin (T4) zu bilden. Die Bestimmung von TSH ist der primäre diagnostische Schritt zur Erkennung von Störungen der Schilddrüsenfunktion. Ergänzt wird dies durch eine Bestimmung von fT3 und fT4. Auch ein Mangel von Jod und Selen ist auszuschließen. Bei Verdacht auf Autoimmunerkrankungen der Schilddrüse ist die Bestimmung von Auto-Antikörpern gegen die Schilddrüsen-Peroxidase (anti-TPO), gegen Thyreoglobulin (anti-TG) und TSH-Rezeptor (TRAK) angezeigt.
Eine Unterfunktion der Schilddrüse (Hypothyreose) führt zu einer Vielzahl von metabolischen Veränderungen und kann mit Müdigkeit, Antriebslosigkeit und Depressionen einhergehen. Zusammenhänge mit Burnout und Stress sind bekannt. Die Literaturdaten zu Burnout und Schilddrüsenfunktion sind jedoch uneinheitlich. Eine neuere Studie zeigt einen Zusammenhang zwischen erhöhtem TSH (subklinischer Hypothyreose) und Burnout (Tsou and Chen 2021).
Das Nebennierenrindenhormon Cortisol und Burnout
Cortisol zeigt einen ausgeprägten zirkadianen Rhythmus. Im Speichel-Tagesprofil (z. B. 8 / 12 / 16 / 20 Uhr) lässt sich dieser gut abbilden. Beim Gesunden steigt Cortisol etwa 30 Minuten nach dem Aufwachen (cortisol awakening response) und fällt dann bis zum Abend ab.
Bei akutem Stress aktiviert die HPA-Achse (Hypothalamus-Hypophyse-Nebenniere) die Cortisolsekretion. Unter chronischem Stress zeigen Studien jedoch heterogene Muster in Form erhöhter oder erniedrigter Morgenwerte und unterschiedliche Tagesverläufe (Noushad et al. 2021, Jonsdottir and Dahlmann 2019, Miller et al. 2016). Solche Diskrepanzen lassen sich u. a. durch Alters- und Geschlechtsunterschiede, Zeitpunkt/Matrix der Probenahme sowie methodische Unterschiede erklären.
Eine Wiener Studie beobachtete bei Burnout erhöhte Speichel-Cortisolwerte (morgens, mittags, abends), die sich unter Psychotherapie besserten (Pilger at al. 2018). Insgesamt erweisen sich zur Verlaufsbeurteilung Mittags- und Abendwerte den reinen Aufwachreaktionen teilweise überlegen. Im Sinne einer personalisierten Medizin ist eine individuelle Beurteilung des Cortisol-Profils, idealerweise unter Berücksichtigung klinischer Daten durch ein erfahrenes Labor wichtig.
Entzündungsmarker: hsCRP
Eine niedriggradige („low-grade“) Inflammation wird im Burnout-Kontext diskutiert. hsCRP kann solche geringgradigen Veränderungen anzeigen. Studien zeigen Assoziationen zwischen psychosozialem Stress und höherem CRP, teils geschlechtsspezifisch (Johnson et al. 2013, Toker et al. 2005). In einer französischen Studie zu Burnout waren CRP-Werte bei Burnout-Patienten signifikant höher als bei Kontrollen. Auch Leukozyten, neutrophile Granulozyten und Monozyten lagen bei Burnout-Patienten im oberen Normbereich (Metlaine et al., 2018).
Ein erhöhter hsCRP-Wert ist allerdings nicht spezifisch für Burnout, sondern kann bei einer Vielzahl von Erkrankungen auftreten und sollte daher differentialdiagnostisch eingeordnet werden.
Mikronährstoffe
Magnesium
Magnesium ist Kofaktor von > 600 Enzymen, beeinflusst Neurotransmission und Stressresilienz. Mangelsymptome decken sich teils mit Burnout-Beschwerden (Reizbarkeit, Müdigkeit). Klinische Studien und Meta-Analysen zeigen günstige Wirkungen einer Mg-Substitution bei Depressionen, einer typischen Symptomatik bei Burnout (Noah et al. 2021, Tarleton et al. 2017, Botturi et al. 2020).
Eisen und Anämie
Chronischer Stress und Inflammation können über entzündliche Signalwege die Verfügbarkeit von Eisen funktionell senken, z. B. über eine verminderte Resorption. Dies kann eine Anämie begünstigen (Weiss et al. 2019, Kasahara et al. 2024). Der folgende Eisenmangel und die Anämie verursachen Erschöpfung und sollten daher ausgeschlossen werden: Kleines Blutbild, Serum-Eisen, Transferrin, Ferritin, hsCRP, löslicher Transferrinrezeptor.
Auszuschließen sind auch Defizite bezüglich Vitamin B12 und Folsäure, die zu einer Anämie führen können. Da Vitamin B12 nur in tierischen Lebensmitteln vorkommt, gehören vor allem Veganer zur Risikogruppe (Bundesinstitut für Risikobewertung – BfR, 2023).
Vitamin D
Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) betrachtet einen Vitamin D Spiegel ≥ 20 µg/L (ca. 50 nmol/L) als ausreichende Versorgung. Eine europäische Konsenserklärung nennt 30–50 µg/L (ca. 75–125 nmol/L) als optimalen Bereich (Pludowski et al. 2022). In Deutschland sind viele Erwachsene unterversorgt, besonders im Winter (RKI – Rabenberg und Mensink, 2016).
Vitamin-D-Rezeptoren finden sich u. a. im Gehirn. Es bestehen biologische Anknüpfungspunkte zu Schlaf, Stimmung und Stress. Querschnittsdaten zeigen Assoziationen zwischen niedrigen 25-(OH)-D3-Spiegeln und psychischen Belastungen (Almuqbil et al. 2023, Chen et al. 2020, Massa et al. 2015, Silva et al. 2021). In einer Studie an Berufstätigen mit Burnout waren 25-(OH)-D3-Spiegel signifikant niedriger als bei den Kontrollen. Zugleich bestand eine inverse Korrelation zu HbA1c (Metlaine et al. 2018).
Interventionsstudien liefern jedoch gemischte Ergebnisse. Eine kontrollierte klinische Studie fand Hinweise auf verbesserte Stress-Resilienz durch Vitamin D Supplementation (Hansen et al. 2020), während andere Endpunkte (z. B. Serotonin) in Meta-Analysen uneinheitlich ausfallen (Alimohammadi-Kamalabadi et al. 2024).
Omega-3-Fettsäuren
Die langkettigen Omega-3-Fettsäuren wie Eicosapentaensäure (EPA) und Docosahexaensäure (DHA) sind wichtig für neuronale Membranen, Neurotransmission und haben antiinflammatorische Effekte. So korrelierte eine höhere DHA-Aufnahme mit höheren Serotonin-Konzentrationen im Hippocampus (Tang et al. 2018).
Bei schweren Depressionen sind die positiven Wirkungen von Omega-3-Fettsäuren gut belegt (Übersicht bei Jahangard et al. 2018 und 2019). Zu Burnout gibt es erste kontrollierte Studien. In einer Placebo-kontrollierten Studie verbesserten Omega-3-Fettsäuren nach 8 Wochen MBI-Scores und senkten das morgendliche Cortisol (Jahangard et al. 2019). In einer Querschnittsstudie an 319 Ärzten und Krankenschwestern hing ein Omega-3-Index < 4 % mit mehr Depersonalisierung zusammen (Antao et al. 2024).
HbA1c, Metabolisches Syndrom und Diabetes mellitus
Burnout ist mit metabolischen Risiken assoziiert. Prospektive Daten zeigen ein erhöhtes Typ 2 Diabetes mellitus (T2D) Risiko bei Burnout (Melamed et al. 2006, Strikwerda et al. 2021, Kontoangelos et al. 2022). Auch bei Typ 1 Diabetes bestehen Korrelation zu Burnout (Abdoli et al. 2020, Perez et al. 2024) mit Assoziationen zu Depressionen.
Für das Metabolische Syndrom (MS) mit den Leitsymptomen Adipositas, Hypertonie, Dyslipidämie und Blutzuckererhöhung bestehen ebenso Zusammenhänge mit Burnout (Tsou et al. 2021, de Souza Silva et al. 2023, Conceicao des Merces et al. 2021), wobei eine Meta-Analyse auf eine deutliche Heterogenität zwischen den Studienergebnisse hinweist (Kremers et al. 2025).
Die Bestimmung glykierter Hämoglobine wie HbA1c ist ein wichtiger Parameter zur Diagnose und insbesondere zur Verlaufskontrolle eines Diabetes mellitus. Eine an der Universität Leipzig durchgeführte Studie (Hovestadt et al. 2022) zeigt für Deutschland bei Kindern und Jugendlichen einen Median-Wert von 5.06 %. Bereits 2003 wurden Zusammenhänge zwischen Burnout und hohem HbA1c beschrieben (Grossi et al. 2003). In einer an der Universität Paris durchgeführten Studie (Metlaine et al., 2018) wiesen Burnout-Patienten im Vergleich zu Kontrollen höhere Werte für HbA1c auf (4,66 vs. 3,0 %). Höhere Werte von HbA1c korrelieren mit Symptomen wie Erschöpfung und Depersonalisierung. Einen Schwellenwert, der Patienten mit Burnout von Nicht-Betroffenen unterscheidet, können diese Studiendaten jedoch nicht festlegen. Es ist jedoch davon auszugehen, dass prädiabetische Patienten (HbA1c ≥ 5.7 %) häufiger Symptome von Burnout aufweisen und dass bezüglich der metabolischen Situation therapeutischer Handlungsbedarf besteht. Niedrige Werte des Fettgewebshormon Adiponectin sind korreliert mit metabolischem Syndrom und Insulinresistenz (Gradinaru et al. 2017, Srikanthan et al. 2016) und daher eine zusätzliche diagnostische Hilfe.
Diagnostisches Vorgehen bei klinisch verdächtigem Burnout-Syndrom
Die labormedizinische Stufendiagnostik ist in Abbildung 1 dargestellt. Sie dient der Differenzialdiagnostik, Risikoeinschätzung und Therapiebegleitung.
Zunächst sollten mit dem Basisprofil relevante Mikronährstoffmängel ausgeschlossen und gegebenenfalls therapiert werden. Zur Basisdiagnostik gehört auch das Cortisol-Tagesprofil, welches akute und chronische Stresszustände objektivierbarer macht und entsprechende Maßnahmen nach sich ziehen kann.
Bei einem auffälligen HbA1c ≥ 5.7 % ist die Bestimmung eines metabolischen Profils ratsam. Lebensstiländerungen, möglicherweise kombiniert mit pharmakologischen Maßnahmen, wären eine Konsequenz. Bei Nachweis einer Anämie ist eine Anämie-Abklärung empfehlenswert. Ist das Basisprofil unauffällig, wäre noch eine Beteiligung der Schilddrüse auszuschließen.
Diese Stufendiagnostik ermöglicht ein Evidenz-basiertes Vorgehen und eine umfängliche personalisierte Begleittherapie von Burnout-Patienten. Entsprechende Profile können bei Labor Dr. Bayer angefordert werden.
Literatur
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